1.

Der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon steht am 7. April 2011 in New York vor der Kamera, hinter ihm eine blaue UN-Flagge, und richtet die Botschaft an die Weltöffentlichkeit, dass die Menschheit der Opfer des Genozids gegen die Tutsi in Ruanda gedenke, die Herzen bei den Überlebenden seien und man für den Aufbau des Landes weiterhin alles Gute wünsche.

Ein paar Stunden zuvor wurden im Amahoro Stadion in Kigali die zentralen Feiern abgehalten. Zehntausende sitzen dichtgedrängt auf den Reihen, und während Paul Kagame über die erfolgreiche Versöhnungspolitik redet, über die Würde, die die Menschen zurückgewinnen müssten, wimmert eine Frau in der Menge, stößt dann einen Schrei aus, der durchs Stadion hallt. Kagame redet gefasst und ruhig weiter, die Frau kippt nach hinten über und wird von Sanitätern auf einer Bahre hinaus getragen.

„Jedes Jahr fallen bei der Eröffnungsveranstaltung der Erinnerungswochen 200 Menschen in Ohnmacht“, erzählt mir der ruandische Psychologe und Traumaexperte Darius Gishoma Ende August 2011 in Nyamirambo. „Die Erinnerung an den Genozid in Ruanda ist in einem offiziellen Diskurs eingemauert. Die Menschen wollen den individuell erlebten Schrecken zurücklassen und sich der Zukunft widmen. Doch regelmäßig bricht sich das traumatische Erlebnis Bahn, wie auch Kierkegaard es beschreibt, als eine unkontrollierte Wiederholung nach vorn. Die Situation explodiert, und die Überlebenden finden sich nicht mehr in der Gegenwart zurecht. Das Unerträgliche am Trauma ist die Einsamkeit, mit der man sich erinnert. Jedes Trauma ist eine zutiefst solitäre Erfahrung. Tauchen die Täter immer in Gruppen auf und kann so die Schuld auf andere abgewälzt werden, ist sowohl das Erleben der Opfer als auch ihre Erinnerung völlig individuell. Die Erfahrung kann mit niemandem geteilt werden. Deshalb gibt es auch nur einen ganz eigenen Weg aus dem Trauma heraus, den jeder in seiner eigenen Geschwindigkeit gehen muss. Die meisten, die mit einem traumatischen Ereignis leben können, sagen, dass sie mit der Zerstörung ihres alten Lebens produktiv umgegangen sind, dass sie aus den Ruinen Neues gebaut haben, dass Blumen aus der Asche gewachsen sind.“

 

2.

Dorcy Rugamba wurde am 6. April 1994 von seinem Vater von Kigali nach Butare geschickt, um dort bei seiner Tante Medikamente abzuholen. Abends, kurz nach dem Abschuss der Präsidentenmaschine, noch bevor die ersten Massaker an den auf Listen geführten Tutsi und den gemäßigten Hutu begannen, bekam Dorcy einen Anruf seines Vaters, er solle lieber im Süden bleiben, bald würden sich schreckliche Dinge in der Stadt ereignen, es sei anders als sonst. Am Nachmittag des 7. April erfährt er von seinem Bruder, dass sie beide die einzigen Überlebenden seien. Alle anderen Familienmitglieder wurden in ihrer Wohnung in Kigali erschossen. Die Massaker in Butare beginnen wegen des Widerstands eines Präfekten erst am 18. April, so dass Dorcy über Bujumbura nach Paris fliehen kann. Er studiert am Konservatorium in Liège Schauspiel, spielt bei Peter Brooks „Tierno Bokar“ und bei Jacques Decuvelleries  „Rwanda 94“ mit, schreibt und inszeniert eigene Stücke und gründet in Kigali die Gruppe Urwintore, mit der er Peter Weiss’ „Ermittlung“ erarbeitet. Die Inszenierung wird weltweit gezeigt.

Als Milo Rau und ich ihn im Frühjahr in Brüssel besuchen, fragt Dorcy: „Warum wollt ihr ein Stück über Ruanda machen? Seid ihr von den afrikanischen Stereotypen fasziniert? Von zwei Stämmen, die einander umbringen? Was ist Euer Anliegen, als weiße Europäer von afrikanischen Massakern zu erzählen?“ Dorcy selbst habe mit seiner ruandischen Theatergruppe den Frankfurter Auschwitzprozess als Anlass genommen, um die Schwierigkeiten beim Prozess der Aufarbeitung in Ruanda darzustellen, ist unsere Antwort. Die Reflektion über eine völlig unterschiedliche historische Situation, die aber ähnlichen Mustern folge, ermögliche eine erweitertes Verständnis. Wir beschäftigten uns mit einem Ausschnitt aus der Geschichte des ruandischen Völkermords, um etwas über die Funktionsweise der antisemitischen Propaganda zu erfahren, die zur Shoah führten.

 

3.

Weil die belgischen Kolonialbeamten in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts Schwierigkeiten haben, Tutsi und Hutu in Ruanda aufgrund äußerer Merkmale zu unterscheiden - beide vermeintlich ethnisch getrennten Gruppen teilen ohnehin die gleiche Sprache, die gleiche Geschichte und die gleiche Religion - führen sie als Differenzierungsmerkmal den Reichtum ein: Wer zehn Rinder oder mehr hat, bekommt den Eintrag in den Pass, dass er Tutsi sei, wer weniger hat, wird Hutu. Die Kolonialverwaltung benutzt die so eingeteilten Tutsi als Statthalter ihrer eigenen Politik. Im Zuge der Dekolonialisierung in den 50er Jahren entwickeln sich ethnisch definierte Parteien, und die Konflikte eskalieren zwischen 1959 bis zur ruandischen Unabhängigkeit im Juli 1962. Zehntausende Tutsi sterben bei Massakern, Hunderttausende fliehen in den folgenden Jahren in die Nachbarländer.

Als 1990 die in Uganda gegründete Rebellenarmee Rwandan Patriotic Front (RPF) Angriffe gegen Städte im Norden Ruandas startet, um die Rückkehr der Exil-Tutsi zu erzwingen, reagiert die ruandische Politik mit einer zunehmenden Radikalisierung. Die ab Mitte 1992 im tansanischen Arusha stattfinden Friedensverhandlungen zwischen der Rebellenarmee und der ruandischen Einheitspartei des Präsidenten werden mehrmals unterbrochen, die RPF verlangt eine Teilhabe an der Regierung Ruandas und die Rückgabe des Eigentums an die vor der ethnischen Gewalt geflohenen Tutsi. Der im August 1993 abgeschlossene Friedensvertrag wird von großen Teilen der ruandischen Politik abgelehnt, im Hintergrund beginnen die Vorbereitungen für den Genozid.

Im Oktober 1992 geht das von Uganda aus operierende Radio Muhabura der RPF auf Sendung, das die offizielle Sprechweise des ruandischen Staatsradios imitiert und über die Kämpfe aus Perspektive der RPF berichtet. Im Gegenzug entscheiden Politiker und Journalisten aus dem Umkreis von Präsident Habyarimana, die Station Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM) aufzubauen, die in technischer und finanzieller Hinsicht gut ausgerüstet wird. Zahlreiche Journalisten aus dem extremistischen Umfeld der wirtschaftlich angeschlagenen Printmedien wechseln zu RTLM. Im Gegensatz zu Radio Ruanda entwickeln die Moderatoren einen informellen Stil: Sie kommunizieren direkt mit dem Publikum, verstehen sich als überzeugte Patrioten, als Frontkämpfer gegen den Kolonialismus und Teil der Black Power Movement.

Der Sender benutzt in seiner Strategie der Dehumanisierung eines Teils der Bevölkerung ähnliche Methoden wie das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in der Verbreitung des Antisemitismus in den 30er und 40er Jahren. Und alles, was in jener ruandischen Station geschieht, ist absolut heutig: Die Musik, die Art zu sprechen, die Interaktion mit den Hörern. Die Welt von RTLM ist nicht die ferne Welt unserer Urgroßeltern in einem fremden Deutschen Reich, RTLM berichtet in einer globalisierten Zeit über die Fußballweltmeisterschaft in den USA, über die Tour de France, Moderatoren zitieren Machiavelli, inszenieren Geschichtsstunden über die französische Revolution, spielen neben der neuesten kongolesischen Musik das Beste der 90er, Nirvana und die französische Top Ten. Und konsequent, so dass es allen Leuten, selbst den Betroffenen, selbstverständlich erscheint, werden die Tutsi durchgängig als feindliche Kämpfer und Kakerlaken bezeichnet. RTLM propagiert den totalen Krieg, bei dem jeder, der nicht für die Sache der Hutu Power eintritt, zum Feind deklariert wird. Und die Bevölkerung wird aufgerufen, alle Feinde restlos zu eliminieren.

 

4.

Am 3. Juni 1994 hat die RPF bereits weite Teile des Landes besetzt, die Niederlage der ruandischen Streitkräfte ist absehbar, und die Journalistin Valerie Bemeriki sitzt an diesem Tag zusammen mit Jean-Pierre Kajuga, einem jungen Mann aus Murambi, im Studio des RTLM. Kajuga ist mit 300 anderen Männern aus seiner Nachbarschaft nach Kigali gefahren, um dort die Interahamwe bei ihren Massakern zu unterstützen. Er spricht davon, dass die Arbeiten in Kigali gut voran schreiten würden und sich alle, die fähig seien, ihnen anschließen sollten. Schon vor dem Beginn des Völkermords hatte sich in den ruandischen Medien eine Sprache etabliert, die Codes benutzte, die alle Ruander die kurz nach Beginn des Genozids dechiffrieren konnten: Arbeiten stand für Töten, kommunale Arbeit war das Töten in Verbänden, zivile Selbstverteidigung das Errichten von Straßenbarrieren, an denen die Menschen mit dem falschen Eintrag im Pass abgeschlachtet wurden, und befreite Gebiete waren jene Regionen, in denen kein Tutsi mehr lebte. Dass eine Vertreibung nicht ausreichen würde, wurde anhand des Beispiels von Paul Kagame aufgezeigt, der seit 1990 Befehlshaber der RPF war. Kagame floh als 4-jähriger mit seiner Familie 1961 nach Uganda. Wäre er damals, so die Argumentation der Hutu-Extremisten, getötet worden, hätte er später nicht die Führungsposition in den Reihen des Feindes einnehmen können. Bemeriki fragt Kajuga im Studio, wie er zu dem heiß diskutierten Thema zivile Selbstverteidigung stehen würde. „Fliehen ist keine Option mehr“, sagt Kajuga. „Fliehen ist eine Sache der Vergangenheit. Jeder muss sich nun verteidigen, mit allen Waffen, die ihm zur Verfügung stehen. Wenn Du einen Bogen hast, dann benutz den Bogen, um zu töten.“ „Danke, Jean-Pierre Kajugu, danke für die guten Ideen, die Sie den jungen Leuten überall im Land vermitteln.“ „Okay, Valerie, ich danke Ihnen! Führt Euren Kampf fort! Wir sind begeistert von Eurer Radiostation. Ich glaube, Sie werden später als erste einen Orden bekommen, weil sie durch die Radiostation so vielen Menschen geholfen haben.“ Kajuga und Bemeriki verabschieden sich höflich voneinander und der Song „Ba gerants ya mabala“ des kongolesischen Rumba-Stars M’bilia Bel wird eingespielt.

 

4.

Zum ersten Mal seit den Nürnberger Prozessen wurde am 23. Oktober 2000 Anklage gegen Journalisten auf Völkermord, Anstachelung zum Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor einem internationalen Strafgerichtshof erhoben. Im Dezember 2003 werden die Gründer der Radiostation RTLM und der Herausgeber der Zeitschrift Kangura, deren vulgäre Karikaturen und deren radikaler Rassismus an Julius Streichers Stürmer erinnern, vom International Criminal Tribunal for Rwanda zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, ebenso Valerie Bemeriki im Dezember 2009 von einem lokalen Gacaca-Gericht.

Im November 2010 besuchen Milo Rau und ich sie im Kigali City Prison. Wir interviewen sie in einem ruhigen Zimmer im Verwaltungsgebäude, von dem man auf den Innenhof schauen kann. Eine Gruppe Gefangener spielt Basketball, eine andere übt eine Choreographie ein. Bemeriki lächelt zur Begrüßung. Woher wir denn kommen würden, fragt sie. In letzter Zeit reisten die Leute ja aus aller Herren Länder zu ihr, um Interviews zu führen.

Sie sagt, dass sie ihre Schuld anerkenne, RTLM sei ein Medium des Hasses gewesen. Und dann erzählt sie vom grausamen Krieg, den die RPF dem Land aufgezwungen habe, von der Bedrohungslage, die nach dem Flugzeugabsturz im Land geherrscht habe. Sie habe ja keinen Menschen getötet, nur gegen die feindliche Armee agitiert. Ob die Auslöschung eines Teils der Zivilbevölkerung gerechtfertigt gewesen sei? In der gefährlichen Lage, in der sich das Land befunden habe, hätte man drastische Maßnahmen ergreifen müssen, die Interahamwe und die Armee hätten sich ja auch nicht an das halten müssen, was ihnen im Radio gesagt wurde.

Sie ist verurteilt, und es geht uns bei dem Gespräch mit ihr nicht darum, herauszufinden, was Schuld bedeutet, nicht darum, ihr etwas, was offensichtlich ist, nachzuweisen oder sie zu verstehen. Nicht um die Wiederherstellung der Fassungslosigkeit, die Hannah Ahrendt angesichts der Banalität des Bösen im Eichmann-Prozess in Jerusalem ergreift. Es geht um die Details der Innenansicht einer Moderatorin der Völkermordradiostation RTLM.

Bemeriki zeichnet einen Grundriss des Studios, beschreibt die Arbeitsabläufe, die dichte, intensive Atmosphäre, die Geschäftigkeit, die nach dem Abschuss der Präsidentenmaschine von allen Besitz ergriffen hätte. Ja, es sei ihre Idee gewesen, Bruckners 7. Symphonie nach dem Absturz zu spielen. Sie spricht von ihren Reportagen, die sie in den verschiedenen Landesteilen gemacht hat, von der Tafel, auf der die gerade getöteten Feinde mit einem Marker durchgestrichen wurden, von den Telefonanrufen, die sie alle fünf Minuten bekamen, und die sie über die aktuellen Entwicklungen in den verschiedenen Regionen informierten, von der Solidarität mit der Bevölkerung, von der Kollegialität in der Redaktion.

 

5.

Der Krieg, der vier Jahren vor dem Genozid begann, so sagt es Dorcy, änderte die politische Landschaft in Ruanda vollständig. Es gab eine Art Demokratie mit mehreren Parteien, es gab die Möglichkeit, seine Meinung frei zu äußern, es gab das Gefühl des leidenschaftlichen Aufbruchs bei den Extremisten der Hutu-Power und die Angst bei denen, die Adressaten des Hasses waren. Die „Zehn Gebote für Hutus“, in denen jeder Hutu, der Geschäfte mit einem Tutsi mache oder Mitleid mit einem Tutsi zeigte, als Verräter angesehen wurde, wurden weithin in Schulen, an Universitäten und in den Verwaltungen propagiert. Im Zentrum des Umbruchs stand die Stimme und das Wort, das zentraler Motor der Radikalisierung wurde. Diese Radikalisierung brach nicht über das Land herein, man gewöhnte sich daran. Im Radio wurden Worte selbstverständlich benutzt, die früher noch einen Schock hervorgerufen hätten. Aber die Moderatoren verpackten es wie einen Witz, wenn sie sagten, dass man die Kakerlaken endlich umbringen müsse, dass es für die Tutsi nur einen Weg zurück in ihre eigentliche Heimat gebe: tot den Fluss Akagera hinunter.

Man lachte darüber, wie man auch darüber lachte, als Kantano sagte, das Haschisch, das er gerade rauche, komme direkt aus dem Rücken eines Krokodils. Und die Songs von Simon Bikindi, in denen er singt, dass er die Hutus hasse, die nicht gegen die Tutsi kämpfen, waren ebenso beliebt, wie seine Loblieder auf die blutige soziale Revolution von 1959. Bikindi übernimmt Melodien aus alten religiösen Gesängen und dichtet einen neuen Text darüber, der die Wehrhaftigkeit der Hutu-Rasse gegen ihre Feinde beschwört. Man gewöhne sich an solche Dinge, wie man sich an das Bellen und Knurren eines aggressiven Hundes gewöhne, sagt Dorcy. Zuerst fürchte man sich, dann nehme man es als Normalität hin, und wenn der Hund zubeiße, könne man es nicht glauben. Der Rassismus, der sich in Ruanda zu Beginn der 90er Jahre ausbreitet, besetzt wie der nationalsozialistische Antisemitismus alle Gebiete des Lebens, deutet Traditionen um, definiert, welche Liebe erlaubt ist, welche Geschäftsbeziehungen möglich, wie die Menschen feiern, und schließlich auch, wie sie töten. RTLM übernimmt die rassistische Sprache, verstärkt sie, transportiert sie in alle Teile des Landes. RTLM normalisiert eine hasserfüllte, menschenverachtende Sprechweise, indem die Moderatoren sich wie Freunde von nebenan präsentieren. Und zugleich vermittelt die Station Normalität in den Tagen des Tötens, die das Leben der Menschen in Ruanda und der Exilanten in zwei Teile reißen.

 

6.

Nach eineinhalb Jahren Recherche beginnt das International Institute of Political Murder, das 2007 von Milo Rau gegründet wurde, im Juli 2011 mit den Vorproben zu „Hate Radio“ in Brüssel. Im Zentrum des Projekts steht das Reenactment eines Sendenachmittags von RTLM. Nancy Nkusi, Afazli Dewaele und Dorcy Rugamba, alle drei in Belgien lebende Exil-Ruander, die auf sehr unterschiedliche Art dem Genozid entkommen sind, stellen die Moderatoren dar.

Der vierte Schauspieler, der Franzose Sébastien Foucault, übernimmt die Rolle des Italo-Belgiers Georges Ruggiu, der als einziger Weißer bei RTLM arbeitete. Die Bühne ist ein acht mal drei Meter großen Glaskasten, in dem sich ein originalgetreuer Nachbau der Radiostation befindet. An den Wänden des Kastens sind Jalousien befestigt, auf die Aufnahmen projiziert werden, in denen die Schauspieler die im Rahmen der Recherche gemachten Interviews nachspielen. Parallel zu den Vorstellungen finden Diskussionen mit Historikern und Soziologen statt, im Winter erscheinen ein Materialenband und ein Dokumentarfilm über das Projekt.

„Hate Radio“ zeigt szenisch, wie RTLM als rassistisches Laboratorium des Hasses funktioniert, als Schnittstelle, an der die in Ruanda begonnene Umwertung der Werte aufgegriffen, vorangetrieben, verstärkt und in die Praxis umgesetzt wird. Anhand von RTLM wird exemplarisch deutlich, wie eine Gruppe innerhalb der Bevölkerung isoliert und zum Feind aufgebaut wird, mit dem keine Koexistenz möglich ist, weil er entweder zerstört oder selbst vernichtet werden muss. Die Schauspieler bei „Hate Radio“ treten wie die Moderatoren bei RTLM als Komplizen des Publikums auf. Man amüsiert sich über sie und mit ihnen, folgt ihren Ausführungen und ist schockiert, wo sie enden. Die perfiden Mechanismen der Propagandamaschine RTLM werden erkennbar, die Rassismus mit Unterhaltung kombiniert, eine Bevölkerungsgruppe dehumanisiert, eine andere Gruppe als sich wehrende Opfer darstellt und so das Selbstverständnis und den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft zerstört. Durch diese Sichtbarmachung zielt „Hate Radio“ darauf ab, die Bruchstellen, an denen die Propaganda ansetzt, zugänglich zu machen.