In der derzeitigen gesellschaftlichen Umbruchsphase, die sich weitgehend gegen revolutionäre Tendenzen immunisiert hat und mit seltsam aufgeregtem Pragmatismus soziale Veränderungen festschreibt, expandiert das Antragswesen. Nimmt man den Blick auf das Antragstellen als Muster für die Reflexionen gesellschaftlicher Prozesse, ergeben sich neue, ungewohnte Perspektiven. Anträge formulieren gleichzeitig einen Veränderungswunsch und eine Affirmation der bestehenden Verhältnisse. Diese Ambivalenz ist ein Spiegel des derzeitig zu beobachtenden Reformbetriebs.

Anträge zeigen, in welche Richtung die Welt sich entwickeln könnte. Auch wenn der Antrag auf eine Veränderung abzielt, revolutionär ist er in keiner Weise. Der Antragsteller fügt sich in die gegebenen Verhältnisse, er akzeptiert, dass es Gremien gibt, die über sein Anliegen abstimmen. Er fügt sich den Ansprüchen, die das Formular an ihn stellt: Zeilenzahl, Themen, er gibt allerlei Auskünfte und steht für Rückfragen zu jeder Zeit bereit. Er macht mit beim Spiel um die Planungssicherheit und die größtmögliche Flexibilität. Der Antragsteller ist dabei, sich zu integrieren, er preist sich und seine Ideen an. Er muss sich stets neu beweisen und benötigt die Zusage, sonst hätte er sein Vorhaben schon längst ohne die Genehmigung verwirklicht.

Auf die Prozesse, die eine vermehrte Ausschreibung zur Folge haben, muss nicht näher eingegangen werden: Liberalisierung der Arbeitsverhältnisse, projektbezogenes Arbeiten, Teamarbeit mit zunehmender Konkurrenz der verschiedenen Arbeitsgruppen, Auswertung der Methoden nach jedem Zwischenschritt, Standardisierung der Überprüfungsmechanismen etc.

Angesichts dieser gesellschaftlichen Vorgaben drängen sich einige Fragen auf: Mutiert die Antragswelt, die eigentlich ein effizientes, selbst bestimmtes Arbeiten mit konkreten Zielen und überprüfbaren Ergebnissen ermöglichen soll, nicht automatisch zu einem kafkaesken Bürokratieapparat, der hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich selbst zu verwalten? Achten die Entscheidungsgremien nicht lediglich auf die Korrektheit und das professionelle Erscheinungsbild der Anträge und haben die Realisierung aus den Augen verloren? Schafft die Antragskultur nicht eine simulierte Welt, repräsentiert durch unsichtbare Projekte, die nach ihrer Verwirklichung zwar ansprechend dokumentiert werden, aber keinerlei Spuren hinterlassen? Setzt sich womöglich ein viel versprechendes Projekt im Antragsverfahren nicht durch, weil ein anderer Antragsteller mehr Referenzen aufweist?

Diese Kritik ist berechtigt. Eine mögliche Konsequenz wäre die Abschaffung des Antragsapparates. Eine solche Scheinlösung spielt eine imaginierte, bürokratierfreie Urgesellschaft gegen ein überreguliertes Gemeinwesen aus. José Bové würde diesem Konzept ebenso zustimmen wie der Unabomber.

Nicht viel überzeugender ist der Versuch, die Antragsbürokratie angesichts einer überkomplexen Welt als pragmatische Unabdingbarkeit zu rechtfertigen: Aus dieser Perspektive heraus geht es um die Optimierung von Netzwerken und um die Professionalisierung des Antragstellens. Es wird begrüßt, dass der Pitch in den Agenturen die Regel ist. Vorbild sind Länder wie Großbritannien, in denen das Antragstellen nicht mehr als lästige Aufgabe angesehen wird, sondern als Beruf. Wünschenswerte Veränderungen werden durch wegweisende Ausschreibungen erst ermöglicht. So wird Antragstellen zu einem Bindeglied zwischen individueller Kreativität und gesellschaftlichen Bedürfnissen. Diese Position hält die Antragswelt für die einzig mögliche und schließt nicht nur andere Optionen aus, sondern weiß noch nicht einmal, dass sie ausschließt.

Die kreative Auseinandersetzung, die auf der Mustermesse stattfindet, rückt genau diesen blinden Fleck in den Mittelpunkt. Utopische Inhalte bemächtigen sich der affirmativen Form des Antrags wie ein Virus eine Zelle befällt: das Antragssystem wird so auf seine Beschränkungen gestoßen, das Funktionieren für einen kurzen Moment aufgehalten. Jeder Aussteller der Mustermesse ist ein Repräsentant der Antragskultur. Ein Antrag ist immer ein Konjunktiv. Die Mustermesse setzt ihn in den Indikativ und eröffnet damit einen Raum der Möglichkeiten.

 

DER ANTRAGSTELLER

 

Unabhängig von ihrem Tätigkeitsbereich kennen alle antragstellenden Personen die diversen Phasen, in denen kreative Prozesse ablaufen. Wann eine Idee aufgetaucht ist, durch äußeren oder inneren Impuls induziert, lässt sich schwer feststellen. Irgendwann jedoch hat sich die Idee hartnäckig festgesetzt. Das Vorhaben wird zur Obsession, man hört sich um, fragt nach, spricht ohne Unterlass über das Thema. Wenn man sich endlich sicher genug fühlt, setzt man sich in Bewegung, um die Idee zu realisieren. Benötigt werden Genehmigungen und finanzielle Zusagen. Also ein Antrag.

 

Die korrekten Formulierungen bereiten außerordentliche Mühen. Die antragstellende Person besorgt sich ausführliche Erläuterungen zu den Formularen. Sie begibt sich auf eine Reise durch eine Landschaft, die sich fortwährend entzieht. Die Zerlegung der Idee entlang der Kategorien, die das Antragsformular vorgibt, lässt die Idee verschwinden. Die antragstellende Person setzt sich selbst zum Gremium ein, das über den Antrag urteilt. Die antizipierte Ablehnung ihres Anliegens unterläuft die Gedanken, blockiert die Sicht auf das zu realisierende Projekt.

 

Der Moment der Beschleunigung tritt ein, das Geschriebene wird sich verselbständigen und beginnen, ein Eigenleben zu führen. Die Phantasien werden Wirklichkeit. Die antragstellende Person hört, wie ihre Freunde anrufen und ihr gratulieren, die grandiose Idee werde einschlagen wie eine Bombe, die Welt habe nur darauf gewartet. Aber noch liegt das Formular auf dem Schreibtisch, und es wird klar: Selbst wenn alles ausgefüllt, der Brief im Briefkasten verschwunden ist, wird die antragstellende Person die angespannte Erwartung nie verlieren, höchstens verdrängen. Ein Bescheid wird kurzfristige Linderung bringen. Sie wird feiern, sich einen Exzess gönnen, nach kurzer Zeit wird sie wieder eine nagende Dringlichkeit überfallen: Schon während der Umsetzung hat sich eine andere Idee breit gemacht, die Umsetzung selbst scheint lückenhaft zu sein, etwas fehlt noch, entspricht nicht dem ursprünglichen Vorhaben, muss modifiziert werden. Der nächste Antrag schafft sich Raum. Die antragstellende Person sieht den momentanen Zustand nur als eine Realisierung veralteter Anträge. Jeder Wunsch wird den Anforderungen des Antragsformulars angepasst, jeder Gedanke kreist um die mögliche Zusammensetzung des Gremiums, private Bindungen sind nur ein stabilisierender Faktor, der stützt und Kräfte für die nächste Antragsstellung sammeln hilft.

 

Die antragstellende Person ist sich bewusst, dass es noch vieles zu verbessern gibt und setzt alles daran, diesen Ansprüchen zu genügen, wohl wissend, dass jede Realisierung niemals so gut ist wie der Plan. Eine mögliche Lösung, sich aus der Antragsschleife zu befreien, wäre die Akzeptanz der Verhältnisse; das jedoch würde Stillstand bedeuten. Oder man könnte sich in ein Gremium aufnehmen lassen. Nur stiftet man dann andere zum Antragstellen an.